Essay

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Von der Moderne zur One Planet Society

 

Die Moderne war der Architekturstil des 20. Jahrhunderts, die Avantgarde ihre erste Wegbereiterin. Sie suchte nach der formalen Umsetzung des Zeitgeistes und deren Ideale, weg vom Repräsentativen, hin zum Funktionalen.

Der Zusammenbruch der grossen europäischen Monarchien im Ersten Weltkrieg schuf Platz für Ideale wie soziale Gerechtigkeit und Demokratie. Die Industrialisierung erfuhr durch die daraus resultierende wachsende Nachfrage nach Konsumgütern und die Erschliessung des Erdöls als Energiequelle einen weiteren Schub und gipfelte in der Nachkriegszeit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, also gerade mal vor zwei Generationen, in einer Hochkonjunktur. Alles lief wie geschmiert. Für die Wohlfahrt der Bürger wurde der Sozialstaat ausgebaut, finanziert durch das anhaltende Wirtschaftswachstum. Die soziale Marktwirtschaft ist das Erfolgsmodell Europas. Die Demokratien konnten sich, zumindest in der sogenannten Ersten Welt, etablieren.

Die Nachkriegsmoderne verkam vielerorts zur Spekulationsarchitektur. Das enorme Wirtschafts- wachstum führte in den Agglomerationen zum Landfrass. Die Kunstelite lehnte sich mit der Bewegung der Postmoderne gegen diese Tristesse auf und stellte den blinden Innovationsglau- ben in Frage. Sie stellte der Eindimensionalität des Funktionalismus die Vielfalt von Gleichbe- rechtigtem gegenüber. Aus der mathematischen Physik fand die Chaostheorie Einzug in die Architekturdebatte, nichts ist vorhersehbar, also auch nichts planbar.

Die Ölkrise rüttelte die Gesellschaft wach, zumindest für kurze Zeit; der Club of Rome wurde gegründet, die Theorien des Peak-Oil, die Marion K. Hubbert 1956 formuliert hatte, akade- misch bestätigt, von der Wirtschaftselite aber ignoriert. Die Wunderwaffen gegen den Schock hiessen Globalisierung und Atomenergie. Energieressourcen und Konsumgüter sollten frei gehandelt werden und neue Technologien unendliche Energiequellen dafür erschliessen. Die bis anhin unbelehrbaren Sowjets mussten den Staatsbankrott eingestehen, Gorbatschow sagte zu Honecker: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ 1989 war der Spuk „Kommunis- mus“ mit dem Fall der Mauer vorbei, die Ideale von einst schnell vergessen. Die BRIC-Staaten galten nun als die neue Zukunft, Schwellenländer mit hohem Wirtschaftswachstum, dafür mit umso weniger sozialer Gerechtigkeit. Russland und China mutierten vom ehemaligen Erzfeind des westlichen Establishments zu heiss umworbenen Ressourcenlieferanten und Wachstums- märkten. Die alte Erste Welt muss seither dafür besorgt sein, den Zugang zu den Rohstoffen nicht zu verlieren. Ab und zu täuschen militärische Vergeltungsschläge, angeblich zum Schutze des Ideals Demokratie, darüber hinweg, dass der Verteilkampf um die Rohstoffe das zentrale geopolitische Thema ist.


Was ist passiert?
Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wird die Nachhaltigkeitsgrenze der Erde überschritten, aktuell weltweit um das Eineinhalbfache, in Europa um das Dreifache. Dies ist nur möglich, weil unser Planet grosse Speicher an Ressourcen und sein Ökosystem eine erhebliche Toleranz besitzt. Der unbedarfte Bürger wird so schnell also nichts merken.

Die Antwort auf diese Herausforderung heisst „One-Planet-Society“. Sie stellt sich der existenziellen Aufgabe, das Verhältnis zwischen der Weltbevölkerung und deren Zuhause, dem blauen Planeten, dem wundervollsten unseres Sonnensystems, der Mutter Erde zu klären und die Konsequenzen daraus zu ziehen. Die Transformation sollte nicht länger als zwei Generationen dauern, eine neue Epoche steht vor der Tür. Architektur und Raumplanung, verantwortlich für mehr als 40 Prozent des globalen Energiekonsums, sind Disziplinen, die direkt und sehr stark mit diesen Herausforderungen umgehen müssen, vorausschauend oder hinterherhinkend.

In der Raumplanung und im Städtebau muss ein Paradigmenwechsel stattfinden, weg vom Primat der Siedlungsfläche, hin zum Gleichgewicht zwischen Siedlung und Landschaft. Auch wenn es aussichtslos scheint, muss alles unternommen werden, das Niveau selbstversorgender Regionen zu erreichen. Dies wird unter anderem durch eine Nachverdichtung strategisch opti- mal positionierter Freiflächen erreicht, etwa auf dem ehemaligen Färbi- und Geistlich-Areal am Bahnhof in Schlieren, wo passende Gestaltungspläne erstellt wurden. Solche Nucleus-Impfun- gen werden in Zukunft auch die Möglichkeit bieten, sich weiter nach innen zu verdichten und den Siedlungsfettgürtel der Agglomerationen zu absorbieren. So werden wieder Freiflächen für die Ressource Landschaft zurückgewonnen. Die Baufelder werden mit einer Dichte von Faktor 2,5 bis 4 überbaut. Dies entspricht Stadtstrukturen, wie wir sie in jeder Altstadt vorfinden.

Die Energiegewinnung gliedert sich wieder in die natürlichen Kreisläufe unseres Planeten ein; die erneuerbaren Energiequellen – Sonne, Wind, Wasser und Biomasse – werden nahezu den gesamten Energiebedarf decken müssen. Dies ist nur durch höchste Energieeffizienz aller Verbraucher zu erreichen. Die Photovoltaik wird sich auf Siedlungs- und Infrastrukturflächen wie Bahn- und Strassentrassen konzentrieren, keinesfalls darf die Energiegewinnung Landwirt- schaftsflächen verdrängen. Die regionale Nahrungsproduktion wird ein zentrales Thema sein. Der eigenen Landwirtschaft muss eine grössere Wertschätzung entgegengebracht werden. Visionen, die periphere Randregionen als Brachen degradieren, sind verfehlt, weil gerade für die Nahrungs-, Energie- und Ressourcenproduktion flächendeckende, funktionierende Infrastrukturen benötigt werden. So wird auch in Zukunft auf das ausgewogene Verhältnis von Stadt- und Landbevölkerung zu achten sein.

Auf der Ebene des Projektmassstabes müssen energetisch selbstversorgende Gebäude realisiert werden. Bauten, die gleich viel erneuerbare Energie produzieren, wie sie selbst konsumieren. Dies haben Schwarz Architekten bereits 1996 als Pioniere mit dem mehrfach prämierten Solarhaus I erreicht. In Winterthur konnten wir 2007 unsere ganze Erfahrung ausspielen und mit dem Eulachhof das erste Schweizer Grossprojekt mit diesem Anspruch realisieren. In Zukunft werden Bauten entstehen, in denen sich Gebäudehülle und Haustechnik optimal ergänzen, damit ein minimaler Primärenergiebedarf resultiert, der über Dach- oder Fassadenflächen generiert wird. In Mellingen bauten Schwarz Architekten die zurzeit grösste Wohnüberbauung der Schweiz mit diesem zukunftsfähigem Energiestandard. Neben energetischen Gesichtspunkten steht die soziale Nachhaltigkeit im Zentrum, ein generationenübergreifendes Quartier ist ent- standen. Soziale Durchmischung wird durch eine vielschichtige Siedlungsstruktur ermöglicht.

Die Baukonstruktion bekommt einen neuen Stellenwert, weil nur durch präzises Fügen von optimal gewählten Materialien und passender Konstruktion ein nachhaltiges Ganzes entstehen kann. Natürliche Materialien strahlen eine hohe Wertigkeit aus, unsere Sinne nehmen diese in ihrer Erscheinung, ihrem Geruch und ihrer Haptik wahr, es entsteht sinnliche Architektur. Wie in der Bautradition üblich werden geografische Bedingungen, Materialvorkommnisse und die Gebäudenutzung zu entscheidenden Parametern. Regionale Unterschiede führen zu Baukulturen und -identitäten – Heimat.

«Neugrüen Mellingen» ist die erste Schweizer Wohnsiedlung mit Energiestandard Minergie- P-Eco und A-Eco. Das Städtchen an der Reuss wurde mit einem neuen, zusammenhängenden Stadtteil in Holzbauweise erweitert, ein bürgerliches Quartier mit dörflichem Charakter. Schon in der Planung achtete man auf einen vielfältigen Wohnungsmix, um den Bedürfnissen der neuen Bewohner – jungen Singles, Familien, Silver Agers – ein Zuhause zu bieten. Die städtebauliche Komposition besteht aus Zeilenbauten mit Split-Level-Wohnungen, hohen Punktbauten und einem grösseren Ensemble an der Hauptstrasse mit Etagenwohnungen und lokalem Gewerbe in den Erdgeschossen. Diese Bautypologien werden von einem feinmaschigen Wegnetz, privaten Gärten und Plätzen umwoben. Die so geschaffenen Räume bewirken eine ansprechende Balance zwischen Privatsphäre und Gemeinschaftlichkeit und lassen sich unterschiedlich nutzen und bespielen. Das Energiekonzept folgt den Prämissen der Energieeffizienz: gut gedämmte Fassaden, ausgewogene Gebäudetechnik, eigene Energieerzeugung und -rückgewinnung. Für den Betrieb wird keine zusätzliche Energie benötigt. Eine Photovoltaikanlage betreibt die Wärmepumpen, eine Wärmerückgewinnungsanlage entzieht dem Brauchwasser Energie und führt sie erneut den Wohnräumen zu.

Gemäss Vitruv sind in jedem Bauwerk die Werte «Firmitas, Utilitas und Venustas» in Einklang zu bringen. Ich bin überzeugt, dass mit unseren Bauten diese in der Architektur seit 2000 Jahren gültigen Werte erreicht werden und bis weit in die Zukunft nachhaltige, schöne Gebäude ent- standen sind.

Autor: Dietrich Schwarz
Professor für Nachhaltiges Bauen an der Universität Liechtenstein Geschäftsführer von Schwarz Architekten

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